DIE ZEIT DES ERSTEN WELTKRIEGES

Euphorie und Ernüchterung

Mit Gott für König und Vaterland, mit Gott für Kaiser und Reich!

Kriegs- und Opfergottesdienste.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 wurde von einer Welle nationaler Begeisterung begleitet. Die vorangegangene Manipulation der öffentlichen Meinung sowie die starke militaristische Ausrichtung der wilhelminischen Gesellschaft waren Ursachen der Euphorie in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung. Auch die Kirchen stellten sich in den Dienst der Kriegspropaganda des deutschen Kaiserreiches. Nationales Sendungsbewusstsein und christlicher Glaube bildeten einen Einklang – auch in der Gemeinde der Immanuelkirche im Prenzlauer Berg.
Die Begeisterung für den Krieg erfasste alle Bereiche des Gemeindelebens. Pfarrer Nauck berichtete in der Chronik der Gemeinde: „Alle wetteiferten miteinander in der Fürsorge für die Krieger draußen, wie für die notleidenden, zurückgebliebenen Frauen und Kinder der Krieger daheim“. Es wurden Wollsachen gefertigt und verschickt, Grüße und Zeitschriften den Truppen übermittelt und Kindern Freitische gewährt. In der Weißenburger Straße 50 richtete die Stadtmissionsgemeinschaft Immanuel eine Kriegsnotstandsküche ein. In der Kirche und der zweiten Predigtstätte in der Zelterstraße wurden wöchentlich Kriegsbetstunden gehalten und Vaterländische Familienabende organisiert. Nach dem Bekanntwerden der „großen Siege“ läuteten mittags von zwölf bis eins die Glocken.

Nagelschild aus der Immanuelkirche zum 400-jährigen Jubiläum der Reformation, 1917.

Leihgabe: Ev. Immanuel-Kirchengemeinde, Berlin


Das Nagelkreuz diente zur finanziellen Unterstützung, der Kriegsversehrten – und Opfer und ihrer Angehörigen, indem der Erlös der angebrachten Nägel gespendet wurde. Nagelschilder waren auch ein öffentliches Bekenntnis zum Staat und zur Unterstützung des Krieges.

Erinnerungen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges von Pfarrer Christoph Nauck, Kantor Richard Abel, Raimund Pretzel alias Sebastian Haffner, dem Sohn des Direktors der 121. Gemeindeschule für Mädchen, und dem Künstler Herbert Mundel.

 

Sprecher: Frank Alexander Kunz, Aufnahme und Schnitt: Christian Betz

Dauer: 21: 0:30 Minuten, 22: 0:10 Minuten, 23: 1:13 Minuten 24: 1:15 Minuten, 2020.

Richard Abel

Christoph Nauck

Sebastian Haffner

Herbert Mundel

Fest-Gottesdienst für die heimgekehrten Soldaten am 31. Dezember 1918. Quelle: Ev. Immanuel-Kirchengemeinde

Tagebucheintrag von Käthe Kollwitz vom 1. Mai 1915:

Das was wir innerhalb Deutschlands erlebt haben, das Besserwerden durch den Krieg, erfährt sicher auch jede andere Nation an sich. Wie ist es aber zu vereinen, daß man einerseits ethisch wächst u. zugleich Haß, Lüge, Feindseligkeit zunimmt nämlich gegen alles Nichtdeutsche? Das ist wie wenn die Liebe nur innerhalb der Familie da ist, nach außen werden alle Türen zugemacht. Hat sie dann noch Wert?“

In: Käthe Kollwitz: Die Tagebücher 1908–1943. Berlin 1989. S. 184–186

Kriegsalltag, Kriegsende und Depression

Während des Krieges wurden in der Immanuelkirche Konzerte für die „Kriegsnotleidenden“ gegeben. Die Vereine der Kirche sammelten Geld für Bedürftige und die Diakonissen kümmerten sich um arme und kranke Menschen im Prenzlauer Berg. In den Gottesdiensten wurde der im Krieg Gefallenen gedacht. Seit Kriegsbeginn waren 340 Männer aus der Kirchengemeinde gestorben.
Die Folgen des Krieges für den Alltag wurden auch im Leben der Gemeinde mehr und mehr deutlich: die fehlenden Arbeitskräfte durch die Einberufung der Männer, der Mangel an Materialien, den etwa die Nähvereine zu spüren bekamen, das Fehlen von Heizmaterial während des kalten Winters 1916/1917 und die Mangelernährung, die zu Krankheiten führte.

Kriegskochbuch

Hedwig Heyl und Prof. Dr. N. Zuntz: Die fettarme Küche. Berlin 1915

Der Rückgang der Lebensmittelimporte und die Ausfälle in der Lebensmittelproduktion führten zu einer deutlichen Verschlechterung der Ernährungslage. In Kriegskochbüchern sind die restlose Ausnutzung aller Lebensmittel und der sparsame Umgang mit ihnen Bestandteil der Rezepte.

Gedenken: Die Entstehung des Mahnmals

878 Mitglieder der Gemeinde waren im Krieg gefallen. Im Gedenken an sie beschloss die Leitung, ein „Ehrendenkmal für die Gefallenen unserer Gemeinde“ zu errichten.

 

 

 

 

 

 

Allein auch erfreuliche Früchte hat der Krieg gezeitigt. (…) Die Genußsucht wich der Genügsamkeit, des anspruchsvollen Gebaren mit seinen Forderungen der Bescheidenheit, die Selbstsucht der Liebe (…). Es fehlt freilich nicht an tiefen Schatten, an bedenklichen Lockerungen, an lautem und leisem Murren, an Verbitterung und Verhärtung, an Gleichgültigkeit und Entfremdung bis hin zur offenbaren Feindschaft Gott gegenüber (…).“
„(…) an Stelle der bisherigen Begeisterung und fröhlichen Zuversicht lähmte uns eine unheimliche Stille, die Stille vor dem Sturm, bange Sorgen beschlichen uns, (…) selbst die deutsche Kaiserkrone sank dahin, das Deutsche Reich krachte in seinen Fugen; am 9. November v. Js. zerbrach die deutsche Kaiserherrlichkeit, ihr folgte eine kaiserlose, schreckliche Zeit.“
Quelle: Christoph Nauck: Geschichte der Immanuel-Kirche und der Immanuel-Kirchengemeinde in Berlin während der ersten 25 Jahre ihres Bestehens. Berlin 1919, S. 179 (März 1918), S. 183 (Februar 1919)

 

 

Ehrenmal für die Gefallenen aus der Immanuel-Kirchengemeinde.
Quelle: Museum Pankow / Florian Unger, 2019

Die Opfer des 1. Weltkriegs, überwiegend aus den Notlazaretten im Gebiet der Kirchengemeinde, wurden in dem Rondell nördlich der Kapelle vom 21.06.1915 bis ca. 18.02.1919 bestattet. Es ist von 55 hier Bestatteten auszugehen.
Quelle: Museum Pankow / Eric Müller, 2019

Baupläne nach dem Ersten Weltkrieg

Das Gemeindehaus von Otto Werner

Am 14. September 1929 wurde das von Otto Werner entworfene Gemeindehaus eingeweiht. Wie die Immanuelkirche ist es heute ein Architekturdenkmal. Das Gemeindehaus verfügt über einen etwa 500 Personen fassenden Festsaal, in dem Lichtbild- oder Kinovorführungen stattfinden können. Es gibt drei Konfirmandensäle, ein Konferenzzimmer, Wohnungen für die Beamten, Schwestern und Angestellten sowie Raum für das Küsteramt und zwei Jugendheime.
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Baupläne für Immanuel II: Wartburgkirche

Angesichts der starken Bautätigkeit im Ringbahnbezirk und der prognostizierten 15.000 neuen Gemeindemitglieder setzte sich Pfarrer Carl Heinecke dafür ein, dass der seit 1912 bestehende Pfarrbezirk Immanuel II ein eigenes Kirchengebäude erhält. Immer mehr Menschen strömten sonntags in den Gemeindesaal, der allmählich aus allen Nähten platzte.
Bis 1912 dienten die Schulräume in der Naugarder Straße 5 als Gemeindesaal. Im März 1929 reichte Pfarrer Heinecke den Antrag zum Bau einer neuen Kirche am Lisztplatz (Ecke Ostsee-, Hosemannstraße) ein. Zwei Jahre später folgte der Entwurf für das neu zu bauende Gotteshaus, das den Namen Wartburgkirche tragen sollte. Der Bau der Kirche verzögerte sich bis Kriegsbeginn und konnte dann nicht mehr realisiert werden.