DIE IMMANUELKIRCHE NACH 1945

Neuanfang in der Immanuelkirche


 

Im Krieg wurden durch Fliegerangriffe und Kampfhandlungen der Kirchturm, das Dach und die Decke des Kirchenschiffs sowie die Fenster der Chorapsis und das Dach des Gemeindehauses stark beschädigt. Erste Reparaturarbeiten konnten durch Pfarrer Johannes Schwartzkopff in Auftrag gegeben und somit Kriegsschäden beseitigt werden.

Die Nöte der unmittelbaren Nachkriegszeit, die Schäden an Kirche und Gemeindehaus erforderten viele helfende Hände. Im Jahre 1949 waren die 24 Mitarbeitenden der Immanuel-Gemeinde wöchentlich etwa 60 Stunden im Einsatz.

Winterkirche im Gemeindehaus der Immanuelkirche, um 1948.

Quelle: Ev. Immanuel-Kirchengemeinde, Berlin

In der Immanuelkirche fand am 14. September 1946 die erste Geistliche Abendmusik 
nach dem Krieg statt. Das Programm war von Hand geschrieben.

Kirche in der DDR

Der Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Erich Honecker (rechts), empfing am 6. März 1978 in Berlin den Vorstand der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der DDR. Foto: Bundesarchiv / Peter Koard

 

Das Treffen galt als Höhepunkt der Anpassungspolitik der evangelischen Kirche in der DDR. Gleichzeitig wurde es als Zeichen der Akzeptanz der Christen in der DDR begrüßt.

 

„Es gab immer wieder Tauwetter, die dann zu Hoffnung Anlass gaben, die sich dann manchmal sehr schnell als Illusion herausstellten, und dann gab es immer wieder andere Bewegungen zurück. Es kam aber auch zur Gleichzeitigkeit von Öffnung und Verengung.“


Pfarrer Harro Lucht im Interview, Quelle: So habe ich es erlebt. Aus dem Christenleben in der DDR – ein evangelischer Pfarrer erzählt. Radio Horeb, 09.11.2014 – 20:00 Uhr

Das 1957 gegründete Staatssekretariat für Kirchenfragen sollte offiziell als vermittelnde Instanz zwischen Staat und Kirche dienen. Seine eigentliche Aufgabe bestand jedoch darin, die Einmischung der Kirche in staatliche und gesellschaftliche Angelegenheiten zu verhindern. Laut Verfassung der neu gegründeten DDR durfte die Kirche zwar zu gesellschaftlichen Fragen Stellung nehmen. In der Realität jedoch wurde ihr Handlungsspielraum immer weiter eingeschränkt und die Kirche aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Das Recht der Kirche, sich zu „Lebensfragen des Volkes“ zu äußern, wurde 1968 schließlich aus der Verfassung gestrichen. Da die Bildungs- und Religionspolitik der DDR ein atheistisches Weltbild propagierte, war das Verhältnis zwischen Kirche und SED-Regierung von Konflikten geprägt. Streitthemen waren der Religionsunterricht, die Jugendweihe und die kirchliche Jugendarbeit, die Zulassung von Kindern christlicher Eltern zur Erweiterten Oberschule (EOS) und die Einführung des Wehrunterrichts. Die Gemeinden waren in weiten Bereichen staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Viele ihrer Mitglieder standen unter Beobachtung der Staatssicherheit.

Veröffentlichungen mit der Aufschrift „Nur für innerkirchlichen Gebrauch“ konnten ohne staatliche Genehmigung erscheinen.
Quelle: Ev. Immanuel-Kirchengemeinde, Berlin

 

Wandel der Gemeinde

Als die DDR 1949 gegründet wurde, gehörten 92 Prozent der Bevölkerung den christlichen Kirchen an. Ihre Mitgliederzahlen nahmen jedoch über die Jahre stetig ab. 1957 waren noch etwa 57 Prozent der Bürgerinnen und Bürger Kirchenmitglieder, im Jahr 1988 nur noch rund 6,6 Millionen Menschen, also knapp 40 Prozent.

Auch in der Immanuel-Gemeinde ging die Gemeindearbeit zurück. Die Pfarrer und Pfarrerinnen mussten zunehmend Verwaltungsaufgaben übernehmen und waren häufig überlastet. Die sinkende Anzahl der GottesdienstbesucherInnen, geringe Kollekten und abnehmende Mitgliederzahlen führten zu einer schlechten finanziellen Lage und einem Stellenabbau. Die Gemeinde reagierte darauf mit Schulanfängergottesdiensten, Besuchen bei Taufeltern und KonfirmandInnen, ein Berufstätigenkreis wurde initiiert und Gemeindeseminare sowie Kinder- und Jugendtage veranstaltet.

Im Herbst 1965 wurde Erdmuthe Remoli als erste Pfarrerin an der Immanuelkirche ordiniert. Diese Wahl war nicht selbstverständlich da es Vorbehalte gegen die Besetzung einer Frau gab. Nach den anfänglichen Schwierigkeiten war die Pfarrerin für die Christenlehre von Klasse eins bis acht der Immanuelgemeinde zuständig.

Pfarrerin Remoli und Pfarrer Krone am Eingang der Kirche, Sommer 1970. Quelle: Ev. Immanuel-Kirchengemeinde, Berlin

Bereits 1978 war zu beobachten, daß die altersgemäße Zusammensetzung der Immanuelgemeinde sich gegenüber früheren Jahren verändert hatte. Der Anteil der älteren und alten Menschen war sehr groß. Viele junge Familien wohnten oft nur kurze Zeit im Gemeindebereich und zogen dann in Neubaugebiete. Daher lagen die Schwerpunkte der Gemeindearbeit im seelsorgerisch-diakonischen Bereich. Besuche bei alten und kranken Menschen erwiesen sich als sehr wichtig. (…) Doch auch der Anteil an Kindern und Jugendlichen, die sich in Christenlehre und Junger Gemeinde hielten, war verhältnismäßig groß.“

 

Christa Nauck in ihrer Chronik zum 100-jährigen Bestehen der Immanuelkirche 1993, S.30

 

Gemeindearbeit


Am 1. Mai 1946 wurde der Hort der Immanuelkirche auf Initiative von Pfarrer Johannes Schwartzkopff eröffnet. Frauen, die infolge des Krieges ihre Familien häufig allein ernähren mussten, konnten so ein wenig entlastet werden.
Neben den Gottesdiensten und Bibelstunden, dem Konfirmandenunterricht und der Seelsorge konnten trotz schrumpfender Mitgliederzahlen auch besondere soziale oder kulturelle insbesondere musikalische Angebote vorbereitet werden.
In den 1970er und 1980er Jahren zog der Prenzlauer Berg viele junge Leute aus dem Umland und der gesamten DDR an. Trotz der maroden Bausubstanz und staatlicher Wohnungslenkung fanden hier viele ein neues Zuhause. Die Immanuelgemeinde fungierte mit ihren Angeboten für junge Eltern und Alleinerziehende auch als Anlaufstätte zum Kennenlernen und gegenseitigem Austausch.
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Doris Liensdorf

Interview mit Doris Liensdorf, Leiterin des Gemeindehortes von 1979 bis 2002
Aufnahme: Bernt Roder, Schnitt: Kerstin Groner, Dauer: 6:59 Minuten, 2020

Kinder vom Hort der Immanuelkirche auf dem Spielplatz neben der Kirche, Anfang der 1950er Jahre. Quelle: Ev. Immanuel-Kirchengemeinde, Berlin

Neben der Einrichtung in Altglienicke war er der einzige evangelische Kirchenhort, der zu DDR-Zeiten in Ost-Berlin existieren durfte. Mit Beschluss vom 1. Juli 1946 wurde den Kirchen untersagt, neue Kindergärten einzurichten. Die bereits gegründeten Tagesstätten konnten jedoch bestehen bleiben.

Über mehrere Jahre bietet der »Donnerstagskreis« neben Bibelarbeiten, die Gelegenheit um über Gott und die Welt ins Gespräch zu kommen. Eine Besonderheit im kirchlichen Leben der Immanuelkirche wurde Mitte der 1980er Jahre der offene Treff »Springbrunnen«. Die Veranstaltungen waren auch Anziehungspunkte für kirchenferne Anwohner. Einem thematischen Einstieg schlossen sich zumeist unterschiedliche kulturelle Darbietungen, wie z. B. populäre Bandauftritte an.
Im Jahre 1956 wurde die Kirchensteuer in der DDR abgeschafft, was zu großen finanziellen Einbußen in den Gemeinden führte. Sie bemühten sich jeweils um eine oder mehrere Partnergemeinden in der Bundes­republik. Von dort erhielten die Gemeinden in der DDR rund 40 Prozent ihres Haushaltes. Die Zuschüsse und die materielle Unterstützung aus dem Westen waren daher unverzichtbar. Darüber hinaus gab es in unregelmäßigen Abständen Besuche, die jedoch einseitig blieben.
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Band der Jungen Gemeinde auf der Bühne im Gemeindehaus, Anfang der 1970er Jahre. Neben populären Titeln wie »San Francisco Night« spielte die Band auch Kirchenlieder in einer Popversion. Quelle: privat

Pendelleuchte Colonia, Foto: Ev. Immanuel-Kirchengemeinde, Berlin / Greta Schmidt
Die Immanuelkirche hatte zwei Partnergemeinden: in Dortmund-Marten und Gelsenkirchen. Von ihrer Partnergemeinde in Gelsenkirchen erhielt sie im Jahr 1962 eine Reihe schmuckloser Pendelleuchten, die den alten Kronenleuchter ersetzten.


 

Evangelischer Kirchentag in Ost-Berlin

 

Der 3. Evangelische Kirchentag wurde 1951 in allen vier Sektoren Berlins gefeiert. Etwa 300.000 Menschen aus Ost und West nahmen teil. Das Kirchenfest war von der Hoffnung auf eine gesamtdeutsch gestimmte „Besinnungszeit“ geprägt, erinnert sich Günter Gaus, der spätere ständige Vertreter der Bundesrepublik in der DDR. Wilhelm Pieck, der Präsident der DDR, sagte in seiner Botschaft, dass mit dem Kirchentag „nicht nur die Einheit der evangelischen Christen, sondern auch die unzerstörbare Einheit Deutschlands zum Ausdruck gebracht“ werde. Die Organisation der Kirchentage gestaltete sich in den darauffolgenden Jahren immer schwieriger. So wurde der 8. Evangelische Kirchentag, der 1957 in Erfurt geplant war, aus politischen Gründen abgesagt. Stattdessen fanden kleinere Landeskirchentage statt.

3. Deutscher Evangelischer Kirchentag vom 11. bis 15. Juli 1951 in Berlin. Eröffnung des Deutschen Evangelischen Jugendtages in der Werner-Seelenbinder-Halle am 10. Juli 1951, Bundesarchiv

Geplant war, beide Teile der Stadt in die Veranstaltung einzubeziehen (…) Zu Beginn des Jahres wurden plötzlich von staatlicher Seite alle Veranstaltungen im Ostteil untersagt. Lediglich in drei Kirchen durften gottesdienstliche Zusammenkünfte sein, so auch in der Immanuelkirche. Westdeutsche Kirchentagsteilnehmer strömten in den Ostteil der Stadt, um mit den ostdeutschen Gemeinden zusammen Gottesdienste zu feiern () An der Abschlußfeier des Kirchentages im Olympiastadion nahmen ca. 100 000 Besucher teil, wobei nur wenige aus der DDR dabei sein konnten.“


Christa Nauck in ihrer Chronik von 1993

Plakat Evangelischer Kirchentag 1961
Quelle: Evangelisches Zentralarchiv
Der letzte gesamtdeutsche Kirchentag vor der Wiedervereinigung wurde einen knappen Monat vor dem Bau der Mauer, vom 19. bis 23. Juli 1961, veranstaltet. Danach fanden in der DDR wegen der zunehmenden
Repression der Kirche nur noch regionale Kirchentage statt. Erst 1987 gab es wieder einen DDR-weiten zentralen Kirchentag in Berlin.

Die Junge Gemeinde im Visier der SED

Zu Beginn des Jahres 1953 beschloss das Politbüro der SED, die Junge Gemeinde offen anzugreifen und als „Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage“ zu diffamieren. Mit der Umsetzung der Kampagne wurde Erich Honecker betraut, damals 1. Sekretär der FDJ. Die staatliche Jugendorganisation sollte von Mitgliedern der Jungen Gemeinde gesäubert werden.Im Zuge des kirchenfeindlichen Kurses, den die SED ab Mitte der 1950er Jahre einschlug, wurde die Jugendweihe ab 1955 als Bestandteil der staatsbürgerlichen Erziehung eingeführt. Dieser Gegenentwurf zu Konfirmation und Firmung entstand ab Mitte des 19. Jahrhunderts innerhalb der freireligiösen Bewegung. Dieser säkulare Ritus, der den Übergang vom Jugend- in das Erwachsenenalter feiert, erlebte insbesondere während der Weimarer Republik eine Blütezeit.
Die Anfangs von der SED als freidenkerische Praxis abgelehnte Jugendweihe etablierte sich schnell und es gelang der SED damit ein auf die Dauer erfolgreicher Einbruch in die volkskirchliche Praxis der evangelischen Konfirmation.
Die Kirche reagierte umgehend und entschieden. Da ihr die Jugendweihe seit jeher als Ausdruck der Ablehnung der kirchlichen Lehre galt, sollten Jugendliche, die an ihr teilnahmen, nicht konfirmiert werden dürfen. An diesem Beschluss wurde jedoch nicht lange festgehalten und die Teilnahme an der Konfirmation ein Jahr nach der Jugendweihe schließlich toleriert.

SED-Plakat, das die Unvereinbarkeit von Konfirmation und Jugendweihe propagiert. Quelle: Pseudosakrale Staatsakte in der Sowjetzone: Namensweihe, Jugendweihe, Eheweihe, Grabweihe, Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, Bonn/Berlin, 1959 .

 

Ende der 1980er Jahre nahmen etwa 98 Prozent der Jugendlichen in der DDR an der Jugendweihe teil. Wer sich diesem Ritual entzog, musste Benachteiligungen in Kauf nehmen.

Reiner Liensdorf

Reiner Liensdorf (Jg. 1939), Küster mit diakonischen Aufgaben an der Immanuelkirche von 1961 bis 2008

Interview über die Kampagne gegen die junge Gemeinde, Aufgaben eines Küsters und die Arbeit als Vorsitzender des Elternaktivs und die Arbeit unter besonderer Beobachtung.


Aufnahme: Bernt Roder, Schnitt: Kerstin Groner, Dauer: 18:06 Minuten, 2020

 

Kugelkreuz und Anstecknadeln der Jungen Gemeinde.

Leihgabe: Reiner Liensdorf, Foto: Eric Müller
Das Tragen des Bekenntniszeichens der Jungen Gemeinde, das Kugelkreuz, wurde untersagt.

Kirchen beherbergen die Friedensbewegung und die kulturelle Opposition der DDR in ihren Räumen

Ende der 1970er Jahre bildeten sich unter dem Dach der evangelischen Kirchen in der DDR erste Friedenskreise. Ihr Engagement richtete sich vor allem gegen die atomare Aufrüstung (NATO – Doppelbeschluss 1979) in Ost- und Westdeutschland.

Als in den 1980er Jahren die Friedensbewegung erstarkte, vernetzten sich kirchliche Gruppen mit außer-kirchlichen Oppositionellen und Angehörigen der Umweltbewegung. Die Struktur der Kirche ermöglichte es ihnen, Veranstaltungen zu organisieren und Themen wie Friedenspolitik, Abrüstung, Umweltschutz, die zunehmende Militarisierung der DDR-Gesellschaft, und staatliche Repressionen zu diskutieren. Informationen und Materialien wurden mit dem Vermerk „für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“ versehen und konnten so an der Zensur vorbei verbreitet werden.

Mancherorts wurden die kirchlichen Räume zu Stätten der Kritik und des Protestes wenn unkonventionelle Mischungen aus Gottesdienst und Konzert, wie etwa die Blues-Messen oder auch Punk-Konzerte den Rahmen für die politischen Diskussionen bildeten. Einige Kirchen boten aber auch Raum für unabhängige Theatergruppen, Lesungen oder kleine illegale Verlage, die dort ihre Druckschriften (Samisdat) vervielfältigen und verbreiten konnten.

Das Programm „Pässe und Parolen“ in der Ost-Berliner Samariterkirche, 1986. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft / Aram Radomski
BU: Der Liedermacher, Schriftsteller und Dissident Stephan Krawczyk und die Autorin, Regisseurin und Bürgerrechtlerin Freya Klier traten ab 1985 gemeinsam mit musikalischen und Theaterprogrammen auf. Wegen ihres Engagements in der Friedensbewegung erhielten beide 1985 Berufsverbot. Auftritte waren fortan ausschließlich im kirchlichen Rahmen möglich. Durch den Druck der SED-Regierung konnten Klier und Krawczyk kaum noch auftreten. Am 17. Januar 1988 wurden beide von der Stasi verhaftet. Diese Ereignisse führten zu einem unfreiwilligen Ausreiseantrag

 

„Man schmückt sich heute mit Widerstand, den man in der Kirche gelebt hat. Man muss auch sagen, das hing letztendlich an einer Handvoll cooler Sozialdiakone und Pfarrer, nicht an der Institution an sich.“

 

Maik Reichenbach, Bassist der DDR-Punk-Band Wutanfall, im Interview auf Deutschlandfunk Kultur: Und Gott bekam den Blues. Kirchen und der musikalische Widerstand in der DDR, 23.06.2019, von Henryk Gericke und Robert Mießner

Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

„Schwerter zu Pflugscharen“ ist ein Leitspruch, den sich die Friedensbewegung in der DDR aneignete. Das Bibelzitat (Micha 4) umrahmte das Bild eines Mannes, der ein Schwert zu einer Pflugschar umschmiedet. Die Darstellung orientierte sich an der Skulptur „Schwerter zu Pflugscharen“ des sowjetischen Bildhauers Jewgeni Wutschetitsch. Diese war 1957 ein Geschenk der Sowjetunion an die UNO.

Friedensseminar an der Immanuelkirche

 

Auch in der Immanuelkirche gründete sich ein Friedenskreis. Themen wie die Militarisierung der DDR-Gesellschaft oder die Auswirkungen der Kernenergie wurden hier diskutiert. Zu diesen Themen fanden in den Räumen der Kirche auch Ausstellungen statt. Der Bürgerrechtler und Physiker Sebastian Pflugbeil hatte den »Friedenskreis an Immanuel« mit gegründet. Er entwickelte 1983 gemeinsam mit Freunden den Diavortrag »Wir sind nur ein Ziel – Szenarium eines Atomwaffenabwurfes über …«. Der Vortrag wurde in zahlreichen Kirchen der DDR gehalten und sollte veranschaulichen, welche unmittelbaren Folgen durch den Einschlag einer Atombombe zu erwarten wären.

»Offiziell verurteilte die DDR die Stationierung amerikanischer Atomwaffen in der BRD. (…) Über die sowjetischen Atomwaffen in der DDR schwieg man diskret.
In dieser Zeit gab es durchaus wissenschaftliche Untersuchungen über die verheerenden Wirkungen der Atomwaffen. (…)
In der Öffentlichkeit machte man aber einen großen Bogen um das Thema – offensichtlich, um die Diskussion über die sowjetischen Atomwaffen, die ja ebenso schrecklich wirkten wie die aus den USA, zu vermeiden.«
Sebastian Pflugbeil in Uta Motschmann / Mark Pockrandt: Die Immanuelkirche Prenzlauer Berg. Kirchliches Leben seit 1893. Berlin 2018, S. 112

Wahlkontrollen und Demonstrationen

 

Wahllokal im Thälmann-Park, Foto: Bundesstiftung Aufarbeitung, Klaus Mehner, Bild 89_0507_POL_Wahlen_05

 

Um achtzehn Uhr wurden die Türen zu dem Wahllokal geschlossen. Um die Wahlurnen hatten sich etwa zwanzig Menschen versammelt. Schließlich sagte der dortige Wahlleiter: „Es ist alles gesagt und wir können beginnen!“ Dabei war noch gar nichts zuvor gesagt worden. Ich hatte mich so geschickt hingestellt, dass ich bei der Auszählung auf die Wahlzettel schauen konnte (…) Und dann konnte ich sehen, dass Leute alle Namen durchgestrichen und darübergeschrieben hatten: „Michail Gorbatschow und Stefan Heym“. Das fand ich wirklich großartig.


Pfarrer Harro Lucht, Pfarrer in Immanuel von 1987 bis 1989, 10. November 2019

Am 7. Mai 1989 fanden in der DDR Kommunalwahlen statt. Schon länger gab es Forderungen nach freien Wahlen. Couragierte BürgerInnen, die sich überwiegend in kirchlichen Basisgruppen organisiert hatten, nahmen deshalb in vielen Teilen der Republik an der öffentlichen Auszählung der Stimmen in den Wahllokalen teil. Sie notierten die Stimmenverteilung und konnten nachweisen, dass das offiziell verkündete Ergebnis, eine Zustimmung von 99,9 Prozent für die Einheitsliste, gefälscht war. In der Folge kam es am Siebten jedes Monats auf dem Alexanderplatz zu Demonstrationen.
Auch am 7. Oktober 1989, am 40. Jahrestag der DDR-Gründung, machten Demonstranten auf dem Alexanderplatz auf die Missstände im Land aufmerksam. Wegen des wachsenden Unmuts in der Bevölkerung forderte Erich Mielke schon im Vorfeld für diesen Tag starke Sicherheitsvorkehrungen. Als die Demonstrierenden zum Palast der Republik zogen, wo Staatsvertreter und geladene Gäste aus den sozialistischen Bruderstaaten feierten, wurde der Demonstrationszug abgedrängt. Die Protestierenden riefen Parolen wie „Wir pfeifen auf die Wahlen“ oder „Wir bleiben hier“ und sangen „Wach auf“ im Chor. Daraufhin gingen Volkspolizei und Staatssicherheit mit großer Härte gegen die Menschen vor. Sie wurden in LKWs abtransportiert, gewaltvoll behandelt, schikaniert und gedemütigt. Die Inhaftierten wurden oft nächtelang in den sogenannten Zuführungspunkten festgehalten um häufig weiter in die Haftanstalt Rummelsburg gebracht zu werden. Weil die Staatsgewalt wahllos zugriff, waren unter den Inhaftierten etliche Passanten. Auch in den folgenden Tagen kam es zu Demonstrationen und gewalttätigen Festnahmen.
Am 7. Und 8. Oktober lag die Gethsemanekirche im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen um die Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg und bot Schutz vor Übergriffen. Bereits Anfang 1989 wurde dort ein Kontakttelefon eingerichtet, um Berichte aus der ganzen DDR entgegenzunehmen: von Festnahmen, Hausdurchsuchungen, Schnellgerichtsurteilen, Ausweisungen sowie Solidaritätsaktionen und Demonstrationen. In Folge des 7. und 8. Oktober fand in der Kirche ein reger Austausch unter BürgerrechtlerInnen statt und es konnten sich Menschen über verhaftete Angehörige informieren.

Gedächtnisprotokolle


Viele der am 7. und 8. Oktober Inhaftierten fertigten Gedächtnisprotokolle an. Darin schilderten sie ihre Erlebnisse während der Demonstration und die anschließenden Übergriffe durch Volkspolizei und Stasi. Am 23. Oktober übergaben Angehörige der Bürgerrechtsbewegung dem Vizegeneralstaatsanwalt von Ostberlin eine hundertseitige Dokumentation mit diesen Erlebnisberichten. Erst nachdem sich am 3. November eine 23-köpfige Kommission aus Mitgliedern der Kirche, der Bürgerrechtsbewegung sowie von unabhängigen Bürgerinnen und Bürgern gebildet hatte, setzte die Ostberliner Stadtverordnetenversammlung eine Untersuchungskommission ein. Daraufhin wurden einige Volkspolizisten zur Verantwortung gezogen, die Arbeit der Kommission jedoch schon 1990 wieder eingestellt.

Gedächtnisprotokoll, Quelle Museum Pankow

 

Zwischen Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung

Die Rolle der Kirche


In den Monaten zwischen Mauerfall und den ersten freien und demokratischen Wahlen in der DDR im März 1990 spielte der „Runde Tisch“ eine bedeutende Rolle. Er war die Vermittlungsinstanz zwischen Regierung, Blockparteien und Opposition. Sein Anliegen: einen friedlichen Systemwandel herbeiführen und die DDR im demokratischen Sinne erneuern.
Die Idee für den ersten Runden Tisch kam aus der Bürgerrechtsbewegung. Seine Moderation wurde von drei ostdeutschen Kirchenvertretern übernommen, deren moralische Integrität unbestritten war. Auf dem ersten Treffen am 7. Dezember 1989 wurden die Vorbereitung freier Wahlen und die Ausarbeitung einer neuen Verfassung beschlossen. Außerdem forderte die Opposition die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit, das inzwischen in Amt für Nationale Sicherheit umbenannt worden war. Bis zum 12. März 1990 tagte der zentrale Runde Tisch nahezu wöchentlich. Er war Vorbild für eine Vielzahl Runder Tische auf kommunaler Ebene.

Runder Tisch Prenzlauer Berg, Quelle: Standbild aus Beitrag des Deutsche Welle-TV´s über den Runden Tisch Prenzlauer Berg am 14. Februar 1990


Zwischen Dezember 1989 und Mai 1990 traf der lokale Runde Tisch Prenzlauer Berg insgesamt zwölf Mal zusammen. Teilnehmende waren Vertreter etablierter Parteien, Massenorganisationen, neue Gruppen, Initiativen und neugegründete Parteien. Wie andernorts fungierten Kirchenvertreter zugleich als Moderatoren. Hans-Dieter Winkler, Pfarrer der Ev. Zachäus Gemeinde, leitete zu meist die Sitzungen.

 

Das Gespräch am runden Tisch kann und will keine Nebensituation, kann und will kein Ersatz für Regierung und Volkskammer sein, hat auch nicht die Kompetenzen. Doch können aus unserem Rundtischgespräch (…) Vorschläge erwachsen, die von Volkskammer und Regierung aufgegriffen und in die fälligen Entscheidungen einbezogen werden sollten, die zur Lösung der anstehenden Fragen notwendig sind. Wichtig ist uns, daß alle politischen Kräfte unseres Landes die Möglichkeit erhalten, gleichberechtigt und gleichverpflichtend mitzuarbeiten an der Bewältigung grundlegender Fragen der gesellschaftlichen Erneuerung. Die Zeit drängt. Darum muß schnell eine Verständigung darüber gefunden werden, welche Aufgaben in der Gesellschaft vorrangig zu bewältigen sind, was im einzelnen zu tun ist und wer welche Aufgaben übernimmt (…).


Begrüßungsrede von Oberkirchenrat Martin Ziegler zur ersten Sitzung des zentralen Runden Tisches am 7. Dezember 1989

 

 

Wahlkampfveranstaltung in der Immanuelkirche, Quelle: Gerd Haenel

Wahlkampfveranstaltung der Berliner SPD am Vorabend der Volkskammerwahlen in der Immanuelkirche am 17. März 1990. Anwesend sind auch der Regierende Bürgermeister von Westberlin, Walter Momper, und der Partei- und Fraktionsvorsitzende der SPD, Hans-Jochen Vogel.